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Allgemein wochen gegen den sozialabbau

Redebeitrag: Aktionstag gegen den Sozialabbau (26.09.26, Frankfurt/M.)

Liebe Genoss:innen,

Die kapitalistische Tristesse verdichtet sich in den letzten Monaten zu einer unerträglichen Schwere. Immer unverblümter tritt die Gewalt der Verhältnisse hervor.

Die neue Grundsicherung, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, die geplante Abschaffung des 8-Stunden Arbeitstages, die Bezahlkarte für Geflüchtete, die geplanten Kürzungen im Unterhaltsvorschuss, die Kürzungen im Wohngeld, die ökologische Krise samt der systematischen Hinnahme von über 12000 Hitzetoten im Jahr 2026. All das sind Beispiele aus einer langen Liste , die verdeutlichen, dass die Menschen nur ein Anhängsel der Maschine sind.

Es gibt zwar einen enormen gesellschaftlichen Überfluss, doch für das gute Leben für alle im Hier und Jetzt wird er nicht verwendet. Ein Leben, in dem es keinen materiellen Mangel gibt und in dem „Unnützsein“ keine Schande mehr ist.

Stattdessen erfahren wir alle tagtäglich, dass der Profit der Maßstab der Produktion ist und nicht die Bedürfnisse, diese sind nur sekundär und  werden uns gänzlich abgesprochen oder individualisiert.

Solidarische Praxis

Für uns als solidarische Gruppe muss sich eine linke Praxis auf die Bedürfnisse der Einzelnen fokussieren, die in der gegenwärtigen Gesellschaft unerfüllt bleiben.

Es geht darum, die alltägliche Erfahrung dieser Gewalt zu reflektieren. Gewalt, die einen ins Büro, ans Krankenbett oder hinter den Tresen zwingt, nur um das eigene Leben bezahlen zu können. Wir alle leiden individuell unterschiedlich, sind verschieden von Diskriminierung betroffen und dennoch leiden wir alle unter dem Kapitalismus.

Deshalb darf sich eine emanzipatorische Praxis nicht in einer rein abstrakten Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus erschöpfen. Und zugleich müssen wir uns auch davor hüten, uns mit partikularen Veränderungen zufrieden zu geben. Wir müssen Praktiken etablieren, in denen erfahrbar ist, dass das konkrete Leiden der Einzelnen weniger wird. Das bedeutet einander in individueller Bedürftigkeit und Andersheit anzuerkennen.

Diese Anerkennung bedeutet aber auch, uns selbst in unserer Bedürftigkeit wahrzunehmen. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir Ohnmacht erleben, wie wir verhärten und dabei unsere Bedürfnisse nach Streit, Verbundenheit und Zärtichkeit verdrängen.

Die Lösung kann für uns deshalb auch nicht der Rückzug ins Private samt individueller Selfcare sein. Wir müssen Abstand nehmen von der Vorstellung, dass wir in Anbetracht der Ohnmacht nur resilientere autonomere Subjekte werden müssen.

Erst in solidarischen Beziehungen können wir den Halt finden, um die Angst zu bewältigen, die diese Verhältnisse notwendigerweise hervorrufen müssen.

Hoffnung in Zeiten der Ohnmacht

Für uns als undogmatische Linke bedeutet dies eine Suchbewegung nach emanzipatorischen Formen der Organisierung. Diese Suche geht einher mit einer steten Selbstkritik der eigenen Praxis.

Andernfalls besteht die Gefahr, sich ein unmittelbares revolutionäres Potenzial in der Gegenwart einzubilden. Solch linke Illusionen sind keine Antwort auf die Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit des kapitalistischen Realismus, sondern sie sind nur dessen idealistische Umkehr.

Linke Organisierung sollte für uns der Ort sein, in dem wir das Hoffen erlernen. 

Hier können wir uns einerseits über das Noch-Nicht-Gewordene verständigen und emanzipatorische Perspektiven eröffnen und andererseits die eigene Ohnmacht anerkennen, dass es keine Gewissheit gibt, dass wir jemals in der befreiten Gesellschaft leben werden.

Hoffnung heißt demnach auch, das eigene Scheitern als einen Aspekt der politischen Praxis zu begreifen.  Das bedeutet aber nicht der Verzweiflung anheimzufallen, sondern sich dennoch mutig, solidarisch und gemeinsam durch die gesellschaftliche Ohnmacht zu bewegen.

Eröffnen wir uns gemeinsam Perspektiven, in denen trotz des Leidens und der Ohnmacht, die wir tagtäglich erfahren, das Endes des Kapitalismus näher liegt als das Ende der Welt. Eröffnen wir uns die Hoffnung auf eine Zukunft, in der wir auch einfach nur unnütz auf dem Wasser liegen können und friedlich in den Himmel schauen.

Lasst uns gemeinsam für die befreite Gesellschaft eintreten, in der jede nach ihren Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen leben kann.